Die Zukunft im Gefrierschrank – Wie wir Kraniche retten
Sie ziehen in perfekten V-Formationen über den Himmel, ihre trompetenden Rufe hallen durch die Luft: Kraniche. Seit Jahrtausenden verbinden diese eleganten Vögel Kontinente, verbreiten Samen und halten Ökosysteme im Gleichgewicht.
Frisch geschlüpftes Kranichküken
Doch ihre Zukunft steht auf dem Spiel. Von fünfzehn Kranicharten weltweit gelten die meisten als bedroht. Vom Schneekranich existieren in der Wildnis nur noch zwei schnell schrumpfende Populationen sowie einige hundert Tiere in Zuchtprogrammen. Die Ursache? Wir Menschen. Feuchtgebiete werden trockengelegt, Dämme gebaut, Bruthabitate verschwinden, Zugrouten werden verbaut.
Was die Rettung zusätzlich erschwert: Kranichsperma verliert bei künstlicher Besamung schon nach wenigen Tagen seine Befruchtungsfähigkeit. In Zuchtprogrammen entstehen oft Nachkommen aus verhaltensinkompatibler Verpaarung – wenn Tiere sich nicht akzeptieren oder zeitlich nicht zusammenpassen. Bei kleinen Populationen, in denen jedes Küken zählt, wird das zum existenziellen Problem.
Kranicheier im Brutapparat
Science-Fiction wird Realität: Minus 196 Grad für die Ewigkeit
Hier kommt eine Lösung ins Spiel, die nach Zukunft klingt, aber längst funktioniert: Kryokonservierung. Bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff werden Spermien theoretisch unbegrenzt haltbar – ein genetisches Backup für bedrohte Arten.
Der Vorteil: Sowohl Spermiengewinnung als auch künstliche Besamung sind bei Kranichen vergleichsweise unkompliziert und schonend. Doch jede Art ist einzigartig. Damit die Kryokonservierung funktioniert, muss für jede Kranichart ein maßgeschneidertes Protokoll entwickelt werden: Welche Schutzstoffe brauchen die Spermien? Wie schnell muss eingefroren werden?
Ein mobiles Labor und eine Mission
In Gnevkow, Mecklenburg-Vorpommern, betreuen zwei private Halter 13 der 15 Kranicharten – ein weltweit nahezu einzigartiger Schatz. Gemeinsam mit ihnen entwickelt das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung artspezifische Protokolle zur Kryokonservierung von Spermien und zur künstlichen Besamung.
Zum Einsatz kommt ein mobiles Spermienlabor mit Gefriereinheit, Analysesystem und transportfähigen Stickstoffbehältern. Entscheidend ist ein Parameter: die Spermienmotilität nach dem Auftauen – also, wie viele Spermien sich noch bewegen. Davon hängt ab, ob lebende Küken entstehen können.
Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend: Je nach Art liegen die Motilitäten der Spermien nach dem Auftauen zwischen 18 und 50 Prozent. Für den Grauen Kranich, Klunkerkranich, Schneekranich und Mönchskranich wurden bereits Ergebnisse von 30 bis 50 Prozent erreicht. Für andere Arten sind es bislang erst zehn bis 20 Prozent – hier wird weiter optimiert.
Die nächsten Schritte: Von der Probe zur Biobank
Was in den kommenden Jahren 2026 und 2027 geplant ist, klingt ambitioniert – und ist es auch:
Die Protokolle werden weiterentwickelt, besonders für Arten mit niedrigerer Motilität. Parallel entsteht am Leibniz-IZW eine Biobank für bedrohte Kranicharten – eine genetische Schatzkammer für kommende Generationen. Mit hochwertigem tiefgefrorenem Sperma werden gezielte Besamungen durchgeführt, um zu beweisen: Das funktioniert nicht nur auf dem Papier, sondern bringt echte Küken hervor.
Genetische Analysen zur Vaterschaftsbestimmung belegen die Erfolge zweifelsfrei. Gleichzeitig zeigen sie, welche Linien besonders wertvoll sind und wo Zuchtmaßnahmen am dringendsten benötigt werden. Biobanking-Standards werden etabliert, damit das System langfristig stabil und international anschlussfähig bleibt.
Warum wir dieses Projekt unterstützen
Die Kryokonservierung verändert die Möglichkeiten im Artenschutz grundlegend.
Genetisch wertvolle Linien können gezielt erhalten werden. Geografisch oder zeitlich getrennte Tiere lassen sich über Generationen „zusammenbringen", auch wenn sie sich nie begegnen. Selbst Spermien mit geringerer Motilität könnten durch neue Verfahren nutzbar werden – ein zusätzlicher Sicherheitsbaustein für kritisch bedrohte Arten.
So entsteht eine Lebensversicherung für Arten, deren natürlicher Lebensraum sich immer schneller verändert.
Ein Versprechen an die Zukunft
Die erfolgreiche Kryokonservierung von Kranichspermien ist mehr als ein wissenschaftlicher Meilenstein. Sie ist ein Akt der Verantwortung – ein Versprechen, dass die trompetenden Rufe der Kraniche auch in 100 Jahren noch den Himmel erfüllen.
Modernste Technologie trifft auf gelebten Artenschutz – damit die eleganten Silhouetten der Kraniche nicht nur in Geschichten und Fotos weiterleben, sondern auch über unseren Köpfen.
Quelle: Prof. Dr. Thomas Hildebrandt, Dr. Susanne Holtze, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Berlin. www.izw-berlin.de