Frauenpower im Regenwald: Warum wir Bonobos schützen
Tief im Herzen des kongolesischen Regenwalds lebt eine der faszinierendsten Menschenaffenarten der Welt: die Bonobos. Sie sind uns genetisch fast so nah wie Schimpansen – wir teilen rund 98,7 % unseres Erbguts –, und doch leben sie auf eine ganz andere Weise zusammen. Bei ihnen haben die Weibchen das Sagen.
Bonobo mit jungem Mungo als Beute
Matriarchat im Kongo-Becken
In keiner anderen bekannten Menschenaffengesellschaft verfügen weibliche Tiere über so viel Einfluss wie bei den Bonobos. Bonobo-Weibchen schließen sich zu stabilen Allianzen zusammen und entscheiden oft gemeinsam, wer Zugang zu den besten Nahrungsquellen erhält. Sie sind nicht nur die sozialen Zentren der Gruppen, sondern jagen wie die Männchen auch: So erbeuten sie Waldantilopen, Affen und andere Säugetiere und teilen die Beute mit Gruppenmitgliedern.
Konflikte werden dabei selten mit Gewalt gelöst, sondern durch Nähe, Versöhnung und Kooperation. So entsteht eine erstaunlich friedliche Sozialstruktur – ein Gegenentwurf zu den eher konkurrenzbetonten Schimpansen-Gruppen.
Besonders spannend: Der Rang von Männchen hängt stark vom Status ihrer Mutter ab. Soziale Intelligenz und wie sie genutzt wird, scheint auch bei den Bonobos wichtiger als körperliche Stärke – ein Befund, der unser Bild von Primatengesellschaften grundlegend erweitert.
Durch Bonobos über den Kot verbreitete Samen
Gärtner des Regenwalds
Bonobos sind nicht nur sozial bemerkenswert, sondern auch ökologisch unverzichtbar. Auf der Suche nach Früchten wandern sie weite Strecken und verbreiten dabei Samen – sie „bepflanzen“ den Regenwald gewissermaßen neu. Ohne diese Samenausbreitung würde ein wichtiger Motor der Regeneration fehlen. Wer Bonobos schützt, schützt also zugleich den tropischen Regenwald, eines der artenreichsten Ökosysteme unseres Planeten.
Ein Lebensraum unter Druck
Bonobos kommen ausschließlich südlich des Kongo-Flusses in den dichten Tieflandregenwäldern der Demokratischen Republik Kongo vor. Dieser mächtige Fluss trennt sie von ihren nahen Verwandten, den Schimpansen. Genau dieser begrenzte Lebensraum macht sie aber verwundbar: Waldverlust, Jagd und wachsende Nutzung der Ressourcen setzen den Beständen zu. Bleibt der Schutz aus, verschwinden nicht nur diese außergewöhnlichen Menschenaffen – es verliert auch der Regenwald einen seiner wichtigsten Bewahrer.
Forschung, die schützt
Um Bonobos wirksam zu bewahren, müssen wir ihr Verhalten verstehen. Die Stiftung Tier-, Natur- und Artenschutz unterstützt deshalb Forschungsprojekte des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie. Forschende wie Prof. Dr. Barbara Fruth und Dr. Gottfried Hohmann, dokumentieren seit Jahrzehnten, wie Bonobos ihre sozialen Netzwerke organisieren und wie Weibchen neu in Gruppen integriert werden.
Ein zentraler Befund: Junge Weibchen verlassen bei der Geschlechtsreife ihre Geburtsgruppe und schließen sich einer fremden Gemeinschaft an – ein riskanter Schritt, der aber durch die Unterstützung älterer Weibchen erleichtert wird. Diese fungieren wie Mentorinnen und sichern den sozialen Einstieg. Solches Wissen ist entscheidend, um Schutzgebiete sinnvoll zu planen und Störungen in sozialen Verbänden zu vermeiden.
Unsichtbare Helfer: Kamerafallen im Urwald
Der tropische Regenwald ist dicht, laut und voller Leben – aber gerade deshalb schwer zu erforschen.
Der tropische Regenwald ist dicht, laut und voller Leben – aber gerade deshalb schwierig zu erforschen. Man sieht oft nur Bäume. Um dennoch an Daten zu kommen, setzt das Forschungsteam Kamerafallen ein. Diese unauffälligen Geräte werden an strategischen Punkten im Wald angebracht, etwa dort, wo Bonobos in hohe Bäume aufsteigen, um zu fressen oder zu schlafen. Jeder dieser „Verkehrsknotenpunkte“ liefert wertvolle Informationen über Wege, Aufenthaltszeiten und Nahrungsquellen zahlreicher Tierarten – also Erkenntnisse, die noch weit über die Bonobos hinausreichen.
Damit das funktioniert, braucht es mehr als ausgefeilte Technik: Jemand muss die Kameras regelmäßig warten, kontrollieren und die Ergebnisse auswerten. G enau hier engagiert sich die Stiftung: Sie finanziert nicht nur die Ausrüstung, sondern auch die Menschen, die sie betreuen. So werden aus unsichtbaren Waldwegen belastbare wissenschaftliche Datensätze.
Ein besonderes Highlight: In Kooperation mit der Universität Konstanz konnte der Forscher Tanguy Deville mithilfe dieser Kamerafallen zeigen, wie intensiv Bonobos und andere Tiere fruchttragende Bäume nutzen – ein weiterer Beleg dafür, wie stark sie zur Verjüngung des Waldes beitragen.
Warum das alles zählt
- Bonobos zeigen ein alternatives Sozialmodell: weniger Dominanz, mehr Kooperation.
- Sie sind Schlüsselarten des Regenwalds: ohne sie weniger natürliche Verjüngung.
- Ihr Lebensraum ist bedroht: Schutz braucht Wissen – und langfristige Finanzierung.
- Forschung vor Ort ermöglicht genau das, was später in Schutzprogramme einfließt.
Wer Bonobos schützt, schützt deshalb weit mehr als eine Tierart. Er schützt ein Ökosystem, das unser Klima stabilisiert – und er erhält ein lebendiges Beispiel dafür, dass Gemeinschaft auch ohne Gewalt funktionieren kann.
Quelle: Prof. Dr. Barbara Fruth und Dr. Gottfried Hohmann, Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie
Links: www.bonobo-alive.org
www.ab.mpg.de
Prof. Dr. Barbara Fruth