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Nur was wir kennen, können wir schützen

ICARUS: Wenn Tiere uns die Welt erklären

Stellen Sie sich vor, Sie könnten der Erde beim Atmen zusehen. Nicht über Computer, Messstationen und Diagramme – sondern durch die Augen von Tieren: Singvögel, die nachts über Kontinente ziehen. Störche auf ihrer Reise nach Afrika. Flughunde, die durch tropische Nächte gleiten. Jedes dieser Tiere erzählt eine Geschichte – wo es frisst, wovor es flieht, wenn es krank wird. Und zusammengenommen zeichnen sie ein Bild davon, wie sich unser Planet verändert.

  Prof. Martin Wikelski mit besendertem Flughund

Prof. Martin Wikelski mit besendertem Flughund 

Genau das ist ICARUS – die International Cooperation for Animal Research Using Space. Ein globales Netzwerk aus Forschenden, Satelliten und Mini-Sendern, das die Bewegungen von Tieren in fast Echtzeit sichtbar macht. Ein „Internet der Tiere".

Unsere Stiftung Tier-, Natur- und Artenschutz unterstützt dieses Projekt, weil wir überzeugt sind: Wer die Wege der Tiere versteht, kann Arten schützen, Pandemien verhindern und Menschen rechtzeitig vor Katastrophen warnen.

Winzige Sender, große Wirkung

Im Zentrum von ICARUS stehen Hightech-Sender, kleiner als eine 2-Cent Münze und bald nur noch ein Gramm schwer – so leicht, dass selbst Singvögel sie tragen können.

Diese „Wearables für Wildtiere" bestimmen die Position per GPS oder Dopper-Signal, messen Temperatur, Luftdruck und Beschleunigung. Sie zeichnen auf, wie sich ein Tier bewegt – vom Flügelschlag bis zur Ruhephase. Wenn ein Satellit vorbeifliegt, wachen die Sender auf und schicken ihre Daten ins All. Von dort fließen sie in die Datenbank Movebank, wo Forschende weltweit darauf zugreifen können. Und über die Animal-Tracker-App kann jeder die Routen „seiner" Tiere auf dem Smartphone verfolgen. Und jedes beobachtete Tier hat im Movebank-Museum seine eigene Webseite und Email-addresse, als Anerkenntnis der Individualität tierischer Lebensgeschichten.

So entsteht ein globales Bewegungsbild des Lebens auf unserem Planeten.

Besendertes Amselmännchen

Besendertes Amselmännchen

Tiere als Frühwarnsystem

Die besenderten Tiere sind mehr als Studienobjekte – sie sind lebende Sensoren.

Naturkatastrophen vorhersehen: Viele Tiere reagieren auf feinste Veränderungen in ihrer Umwelt. Ändern sie vor einem Erdbeben oder Vulkanausbruch ihre Bewegungsmuster, kann das ein Frühwarnsignal sein. ICARUS macht solche Muster sichtbar.

Wilderei bekämpfen: Wo Tiere global vernetzt beobachtet werden, fällt jede ungewöhnliche Bewegung auf – auch ein plötzliches Verschwinden, zum Beispiel, wenn ein besendertes Zebra flieht, weil ein Wilderer Jagd auf ein Nashorn macht. Die Transparenz schreckt Wilderer ab und erhöht den öffentlichen Druck, bedrohte Arten zu schützen.

Pandemien verhindern: Viele Infektionskrankheiten – von Vogelgrippe bis Ebola – haben ihren Ursprung im Tierreich. ICARUS zeigt, wie sich Erreger über Zugvögel, Wildschweine oder Fledertiere ausbreiten. Bewegungsdaten ermöglichen es, Krankheitsausbrüche früher zu erkennen.

Klima verstehen: Tierwanderungen sind wie EKG-Kurven der Erde. Wenn Zugvögel Rastplätze meiden oder Meeressäuger ihre Routen ändern, zeigt das, wo Ökosysteme kippen. ICARUS liefert die Daten, um Schutzgebiete dort zu planen, wo sie wirklich gebraucht werden.

Roter Ara beim Anlegen des Senders

Roter Ara beim Anlegen des Senders

Von der Raumstation zum Würfel im All

Bis zum Frühjahr 2022 diente die Internationale Raumstation ISS als Empfangsstation – in etwa 400 Kilometern Höhe um die Erde kreisend, nah genug für die schwachen Signale der winzigen Sender. Das ursprüngliche ICARUS-System entstand in Zusammenarbeit mit der russischen Raumfahrtbehörde Roscosmos.

Mit dem Krieg in der Ukraine wurden alle Forschungsprojekte mit Russland eingestellt. Doch die Max-Planck-Gesellschaft und das deutsche NewSpace-Startup Talos haben eine neue Partnerschaft geschlossen: ICARUS 2.0.

Ein Quantensprung in der Technik: Das neue System arbeitet mit mindestens fünf CubeSats – kleinen Würfeln mit zehn Zentimeter Kantenlänge, die zu größeren Satelliten kombiniert werden. In diesen Würfeln steckt alles, was man im All braucht: Energieversorgung, Steuerung, Kommunikation – und ein komplettes Empfangssystem für Tierdaten.

Der erste Satellit ist im Herbst 2025 gestartet und wird ab Frühjahr 2026 weltweit Daten sammeln. Bis Ende 2026 könnte dann ein System von 6 Satelliten einsatzbereit sein. Die CubeSats fliegen in etwa 500 Kilometern Höhe, erfassen die gesamte Erdoberfläche und können viermal mehr Sender gleichzeitig auslesen als früher die ISS-Antenne.

Aus einer drei Meter langen Antenne auf einer Raumstation ist also ein handlicher Würfel im All geworden. Und dieser Würfel ermöglicht es Tieren überall auf der Erde, ihre Geschichten zu erzählen.

Palmenflughunde

Palmenflughunde – Schlüsseltiere der Nacht

Ein Schwerpunkt unserer Stiftung in dem Projekt ICARUS sind afrikanische Flughunde, allen voran der Palmenflughund (Eidolon helvum).

Diese Tiere sind extrem mobil. Auf dem nächtlichen Weg vom Schlafplatz zu den Futterbäumen legen sie mehr als hundert Kilometer zurück und verstreuen dabei Pollen und Samen. So halten sie Wälder lebendig, sorgen für natürliche Wiederaufforstung und sichern damit auch unsere Ernährung. Das schnelle Baumwachstum hilft, als ´Natur-basierte Klimalösung´, den Kohlenstoffgehalt der Erdatmosphäre zu verringern.

Trotzdem wissen wir erstaunlich wenig über sie: Wo kommen sie vor? Wie sind die Kolonien vernetzt? Welche Rolle spielen sie in verschiedenen Ökosystemen? Und wo begegnen sie Krankheitserregern, die auch für Menschen gefährlich werden können?

Um Antworten zu finden, werden Palmenflughunde mit ICARUS-Sendern ausgestattet. Ihre Wanderungen werden quer durch Afrika verfolgt, auch in entlegenen Regionen. Die Daten zeigen, wo sie schlafen, wo sie fressen und welchen Kontakt sie zu Nutztieren oder Menschen haben.

Das ist doppelt wichtig: für den Schutz der Flughunde selbst, die trotz ihrer Bedeutung bejagt werden – und für die Prävention von Pandemien, indem wir verstehen, wie Erreger zwischen Tierwelt und Menschen springen.

Bello, C., T. W. Crowther, D. L. Ramos, T. Morán-López, M. A. Pizo, and D. H. Dent. 2024. Frugivores enhance potential carbon recovery in fragmented landscapes. Nature Climate Change:1-8.

Warum wir ICARUS unterstützen

Die Stiftung Tier-, Natur- und Artenschutz arbeitet an der Schnittstelle zwischen modernster Forschung, praktischem Artenschutz und globaler Gesundheit. Mit ICARUS verbinden sich all unsere Ziele:

Projekt ICARUS
Projekt ICARUS
Projekt ICARUS
Projekt ICARUS
Projekt ICARUS
Projekt ICARUS

Wir helfen, die Sendertechnologie weiterzuentwickeln – damit sie noch leichter, präziser und langlebiger wird. Nur so können Hunderttausende Tiere Teil des „Internets der Tiere" werden.

Wir unterstützen konkrete Projekte wie das der Palmenflughunde, in denen Tierbewegungen genutzt werden, um Wilderei einzudämmen, Schutzgebiete besser zu planen oder Krankheitsausbrüche früh zu erkennen.

Wir setzen auf Offenheit: Die Daten werden bei ICARUS über „Movebank“ wissenschaftlich zugänglich gemacht, und mit der Animal-Tracker-App kann jeder Bürger Teil dieses globalen Beobachtungsnetzes werden.

Mit jedem neuen CubeSat wächst das Netzwerk. Was heute täglich ausgelesen wird, kann morgen nahezu in Echtzeit fließen – eine Informationsader, die den Puls des Planeten sichtbar macht.

Ein lebendiges Gedächtnis der Erde

ICARUS ist mehr als ein Forschungsprojekt. Es ist eine digitale Arche, ein Gedächtnis der Wege, die Tiere seit Jahrmillionen gehen – und die wir heute vielerorts zerstören.

Jeder Sender auf einem Vogel, einem Flughund oder einem Wildschwein erzählt eine Geschichte von verschwundenen Rastplätzen, neuen Risiken, aber auch von der unglaublichen Widerstandskraft des Lebens.

Unsere Stiftung trägt dazu bei, dass diese Geschichten erzählt werden, dass aus Daten konkrete Schutzmaßnahmen werden – und dass Tiere uns schützen: vor Katastrophen, vor Krankheiten, vor den blinden Flecken unserer eigenen Wahrnehmung.

Nur was wir kennen, können wir schützen. Mit ICARUS lernen wir, die Welt durch die Augen der Tiere zu sehen.

Und genau dort beginnt der Wandel.

Quelle: Prof. Dr. Martin Wikelski, Uschi Müller, www.icarus.mpg.de


Besenderung eines Royal Flycatchers in Peru

Kontakt

Stiftung Tier,- Natur- und Artenschutz
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Telefon +49 151 74489223
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Vom Finanzamt Fürstenfeldbruck als gemeinnützig anerkannt.

Über uns

Für die Stiftung Tier-, Natur- und Arten­schutz ist Arten­schutz immer auch Klima­schutz. Deshalb unter­stützt sie Tier- und Arten­schutz­projekte welt­weit und wissen­schaftliche Grund­lagen­forschung zur Förderung von Bio­diversität. Sie finanziert sich aus ihrem Vermögen und aus Spenden, die steuerlich absetzbar sind.