Die Letzten ihrer Art – Das geheimnisvolle Leben der Grottenolme in absoluter Dunkelheit
Tief im Inneren der Karstgebirge Südosteuropas existiert eine Welt ohne Tag und Nacht. Hier, in glasklaren Gewässern unterirdischer Kalksteinhöhlen, leben sie: Grottenolme. Bleiche, fast durchscheinende Wesen mit einer Lebenserwartung von mehr als hundert Jahren. Bis zu fünfunddreißig Zentimeter lang, bis zu fünfunddreißig Gramm schwer, mit äußeren Kiemen und reduzierten Augen, die im ewigen Dunkel keine Rolle spielen.
Die Grottenolmhöhle im Harz
Ihr Reich erstreckt sich von Italien über Slowenien und Kroatien bis nach Bosnien-Herzegowina und Montenegro. Sie gehören zu den größten Höhlenbewohnern Europas – und zu den geheimnisvollsten. Perfekt angepasst an absolute Finsternis haben sie ihren Stoffwechsel radikal heruntergefahren, überstehen lange Phasen der Nahrungsknappheit, sind erstaunlich resistent gegen Krebs und zeigen beeindruckende Regenerationsfähigkeiten.
Auf der Roten Liste der IUCN gelten sie als gefährdet. Ihre Verwundbarkeit liegt paradoxerweise in dem, was sie so faszinierend macht: extreme Langlebigkeit bei sehr spätem Bruterfolg.
Trächtiges Grottenolm-Weibchen
Ein biologisches Rätsel: Fortpflanzung im Zeitlupentempo
Fast alles, was wir über die Fortpflanzung der Grottenolme wissen, stammt aus künstlich angelegten Beständen. In freier Wildbahn wurden Eier und Larven kaum je beobachtet. Selbst in menschlicher Obhut ist ihr Fortpflanzungszyklus extrem langsam: Eine vollständige Entwicklung vom Ei bis zum erwachsenen Tier wird nur etwa alle 12 Jahre beobachtet – und selbst dann legen Weibchen im Schnitt nur rund zwanzig Eier.
Für eine ohnehin seltene Art, die nur in wenigen spezialisierten Lebensräumen vorkommt, ist das eine heikle Ausgangslage. Jede Störung kann ganze Generationen kosten.
Ultraschall im Höhlenlabor
Um diese rätselhafte Fortpflanzungsbiologie zu entschlüsseln, setzt das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung auf hochfrequente Ultraschalluntersuchungen. Die Methode wurde bereits 2017 erfolgreich an Grottenolmen erprobt und ermöglicht es, den Gesundheitsstatus (z. B. Parasitenbefall, Hautinfektionen) zu bestimmen, den Ovarienzyklus präzise zu erfassen und Zuchtmaßnahmen zu planen, die den natürlichen Rhythmus der Tiere respektieren.
Der Durchbruch kam im August 2018: Das IZW übernahm die wissenschaftliche Betreuung für die Grottenolme in der Hermannshöhle im Harz. Die Tiere wurden bereits 1932 und 1956 in das dortige künstlich angelegte Höhlensystem gebracht – ein einzigartiges Refugium, das den Olmen seit acht Jahrzehnten als Heimat dient.
Ultraschalluntersuchung erfolgt ohne Kontakt mit Menschenhänden
Die dramatische Herausforderung: Kannibalismus
So faszinierend Grottenolme sind, so heikel ist die Aufzucht ihrer Nachkommen. In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Eier entdeckt, die wieder verschwanden, bevor sie sich zu Larven entwickeln konnten. Der Verdacht: Kannibalismus – die Tiere dezimieren ihre eigene nächste Generation. Bisher wurden nie Larven beobachtet, obwohl die Forscher Anfang 2025 befruchtete Eier in den Körpern der Grottenolm-Weibchen entdeckt haben. Ein großer Erfolg, der trotzdem keinen Nachwuchs brachte.
Die Lösung: Ein zweites Haltungssystem speziell für befruchtete Eier und empfindliche Larven. Die Anforderungen sind extrem: konstante Temperaturen unter zwölf Grad Celsius, Schutz vor grellem Licht, lebende miniaturisierte Nahrung und höchste Wasserqualität über viele Monate hinweg. Dazu braucht es ein ausgeklügeltes Monitoring über Jahre – mit spezieller Nachtsicht-Kameraüberwachung, um Entwicklungsprozesse zu verfolgen, ohne sie zu stören.
Warum Olme für die Wissenschaft so wertvoll sind: Wie schaffen sie es, über hundert Jahre alt zu werden, ohne typische Alterskrankheiten zu entwickeln? Warum sind sie so resistent gegen Krebs? Wie funktioniert ihre Regeneration? Diese Fragen machen Olme zu einem Schlüssel für Medizin, Altersforschung und Umweltwissenschaften.
Warum wir dieses Projekt unterstützen
Für die Stiftung Tier-, Natur- und Artenschutz ist das Grottenolm-Projekt aus mehreren Gründen bedeutsam:
Lebende Fossilien schützen: Mit den Olmen bewahren wir nicht nur eine einzigartige Amphibienart, sondern auch hochsensible Höhlensysteme und ein Stück Erdgeschichte.
Wissenschaftlicher Durchbruch: Ihre Langlebigkeit, Krebsresistenz und Regenerationsfähigkeit liefern wertvolle Erkenntnisse für Medizin und Umweltwissenschaften.
Extreme Verletzlichkeit: Späte Fortpflanzung, wenige Eier, seltene Reproduktion – fällt eine Generation aus, hat das dramatische Folgen.
Starke Partnerschaften: Gemeinsam mit Dr. Anne Ipsen, dem Leibniz-IZW und lokalen Behörden verbinden wir Grundlagenforschung und praktischen Artenschutz.
Was jetzt geschieht
Gemeinsam mit der Höhlenforscherin Dr. Anne Ipsen, lokalen Behörden und der Stiftung entsteht ein umfassendes Programm, das den Fortbestand der Olme langfristig sichern soll. Im Zentrum stehen ein spezialisiertes Haltungs- und Aufzuchtsystem für Eier und Larven, ein jahrelang angelegtes Monitoring mit Ultraschall und Röntgen, sowie der Vergleich von Populationen in Menschenhand mit natürlichen Beständen.
Es geht um Entwicklungszeiträume, Embryonalentwicklung und nachhaltige Zuchtprogramme, die diese extrem langsame Lebensweise respektieren.
Zeit für Wunder
Das Ziel ist klar: Diese geheimnisvollen Höhlenbewohner sollen auch in hundert Jahren noch durch ihre unterirdischen Labyrinthe gleiten – als lebende Zeugen einer Zeit, in der die Erde ein ganz anderes Gesicht hatte. Während wir an der Oberfläche in einer schnelllebigen Welt leben, erinnern uns die Grottenolme daran, dass manche Wunder Zeit brauchen – sehr viel Zeit. Und genau diese Zeit wollen wir ihnen geben.
Quelle: Prof. Dr. Thomas Hildebrandt, Dr. Susanne Holtze, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin, www.izw-berlin.de