Wie Tauben das Erdmagnetfeld spüren – ein wissenschaftlicher Durchbruch aus dem ICARUS-Projekt
Wie finden Tauben ihren Weg nach Hause, wenn die Sonne nicht scheint, der Himmel vollständig bedeckt ist und keine Orientierungspunkte sichtbar sind?

Prof. Martin Wikelski

Dr. Clivia Lisowski & Prof. Christian Kurts
Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft seit Jahrzehnten. Nun ist einem internationalen Forschungsteam um den Verhaltensforscher Prof. Martin Wikelski ein Durchbruch gelungen: In einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Wissenschaftsjournal „Science“ präsentieren die Forschenden erstmals konkrete Hinweise darauf, wie Tauben das Erdmagnetfeld wahrnehmen könnten.
Im Mittelpunkt stehen winzige eisenhaltige Zellen in der Leber der Tiere – sogenannte superparamagnetische Makrophagen. Sie wirken offenbar wie biologische Magnetsensoren. In den Experimenten verloren Tauben ihre Orientierung vollständig, sobald diese Zellen vorübergehend ausgeschaltet wurden und gleichzeitig der Himmel bedeckt war. Kam die Sonne wieder zum Vorschein, fanden die Tiere sofort problemlos ihren Heimweg zurück.
Die Erkenntnisse verändern unser Verständnis von Tiernavigation grundlegend. Jahrzehntelang galt die Magnetwahrnehmung vieler Tiere als eines der großen ungelösten Rätsel der Naturwissenschaft. Nun zeigt sich erstmals ein konkreter biologischer Mechanismus, der erklären könnte, wie Tiere die unsichtbaren Kräfte des Erdmagnetfeldes nutzen.

EM Full Colorization

EM Macrophage Blue Nerve Yellow

Histology Liver Clodronate

Histology Liver Control Iron Positive Macrophages Blue
Möglich wurde dieser wissenschaftliche Durchbruch nur durch modernste Sendertechnologie und präzises GPS-Tracking im Rahmen des internationalen ICARUS-Projekts. Die Tauben wurden während ihrer Flüge in Echtzeit verfolgt. Dadurch konnten die Wissenschaftler exakt nachvollziehen, wie sich ihr Verhalten unter unterschiedlichen Wetterbedingungen verändert. Unsichtbare Flugbewegungen wurden so zu messbaren wissenschaftlichen Daten.
Gerade darin liegt die besondere Bedeutung der Besenderung von Wildtieren: Sie eröffnet der Forschung einen Zugang zu Vorgängen, die bislang verborgen blieben. Sender zeigen nicht nur, wohin Tiere fliegen – sie helfen zu verstehen, wie Tiere ihre Umwelt wahrnehmen, auf Veränderungen reagieren und unter extremen Bedingungen überleben.



Das rätselhafte GPS der Tauben
Die Stiftung Tier-, Natur- und Artenschutz unterstützt das ICARUS-Projekt seit 2025. Sie hat damit das Engagement der Akademie für Zoo- und Wildtierschutz e.V. übernommen, die bereits maßgeblich an der Entwicklung der Sendertechnologie beteiligt war. Ohne diese technische Entwicklung wären die heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht möglich gewesen.
ICARUS liefert inzwischen weltweit neue Erkenntnisse über Zugrouten, Klimaveränderungen, Lebensräume und Gefahren für bedrohte Arten. Tiere werden dabei zu Botschaftern unseres Planeten. Ihre Bewegungen erzählen Geschichten über eine Welt im Wandel – und helfen uns, diese besser zu verstehen und zu schützen.
Die neue Veröffentlichung in „Science“ zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial in dieser Forschung steckt. Sie beweist, dass technologische Innovation und Artenschutz Hand in Hand gehen können – und dass selbst die verborgensten Geheimnisse der Natur entschlüsselt werden können, wenn Wissenschaftler den Tieren aufmerksam folgen.
Quelle: Lisowski et al., „Homing pigeon navigation relies on superparamagnetic macrophages under overcast conditions“, Science, 2026.
